Aktuelles Kompendium zur Verbraucherpolitik

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von Dr. Kathrin Loer (FernUniversität Hagen)

​Cover Verbraucherpolitik Jaquemoth Hufnagel Schäffer-Poeschel-VerlagJaquemoth, Mirjam und Rainer Hufnagel. 2018. Verbraucherpolitik: Ein Lehrbuch mit Beispielen und Kontrollfragen. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag. 

Umfang IX, 312 Seiten | ISBN Print 978-3-7910-3423-2 | ISBN E-Book (EPUB) 978-3-7910-4129-2 | ISBN E-Book (PDF) 978-3-7992-6962-9 | Preis (Print und E-Book): 24,95 EUR | Inhaltsverzeichnis

 

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Mirjam Jaquemoth und Rainer Hufnagel haben ein umfassendes Lehrbuch zur Verbraucherpolitik veröffentlicht. Damit gibt es nach dem Werk von Eberhard Kuhlmann (1990) nun ein aktuelles Kompendium zur Verbraucherpolitik in deutscher Sprache für die Lehre, das eine stärker sozialwissenschaftliche Perspektive einnimmt als Handbücher zum Konsumentenverhalten (z. B. Kroeber-Riel und Gröppel-Klein 2013). Die Lektüre empfiehlt sich für alle jene Studierenden, die sich mit Verbraucherthemen befassen. Dies betrifft die Fächer Wirtschafts- und Sozialwissenschaften aber auch angrenzende Disziplinen, wie beispielsweise Rechtswissenschaften. Vor allem dürfte das Buch in Studienprogrammen an Hochschulen gute Einsatzmöglichkeiten finden und damit ein breites Publikum aus den oben genannten Fachrichtungen und zudem auch beispielsweise aus den Gesundheits-, Agrar-, Bildungs- und Haushaltswissenschaften ansprechen. Das Lehrbuch soll darüber hinaus Praktikerinnen und Praktikern in der Verbraucherpolitik als Nachschlagewerk dienen. Jaquemoth und Hufnagel bieten dem Publikum ein breites Spektrum an Informationen, die für das Verständnis der Verbraucherschutzpolitik notwendig sind. Dabei geht es allerdings weniger um die politische Dimension von Verbraucherpolitik, sondern vielmehr um die ökonomischen, organisatorischen und institutionellen Rahmenbedingungen. Fallbeispiele im letzten Kapitel des Buches runden die Darstellung ab.

Im Vorwort finden sich konkrete Hinweise zur Nutzung des Buches für die verschiedenen Adressatengruppen. Tatsächlich entsteht durch den theoretisch-konzeptionellen Teil ein Schwerpunkt bei der ökonomischen Betrachtung – Jaquemoth und Hufnagel empfehlen Lesenden mit entsprechenden Vorkenntnissen, diesen Teil zu überspringen. Der verbraucherrechtliche Teil dürfte vor allem als Einstieg dienen für jene, die tatsächlich in Rechtswissenschaften oder in der juristischen Praxis arbeiten. Die Perspektive der Politikwissenschaft kommt trotz des Titels "Verbraucherpolitik", etwas kurz – mehr dazu später. Im Sinne eines Überblicks- und Nachschlagewerks dienen insbesondere der Teil zu den Organisationen verbraucherpolitischen Handelns (Kapitel 3) sowie die Darstellung der Handlungsfelder (Kapitel 5).

Prinzipiell ist das Lehrbuch nicht nur schlüssig gegliedert, sondern es ist in der sprachlichen und formalen Darstellung verständlich und nützlich gestaltet. Jedes Kapitel erläutert zunächst die Lernziele, die auch farblich hervorgehoben sind. Diese Gestaltung eignet sich insbesondere für Zielgruppen, die bislang noch über geringe Kenntnisse zur Verbraucherpolitik verfügen. Alle wichtigen Begriffe führen die Autorin und der Autor passend ein, Merkkästen und Tabellen sorgen für eine übersichtliche Darstellung von solchen Inhalten, die besonders relevant sind. Die Ideen zu "Aufgaben und Lösungen", die es jeweils innerhalb der Kapitel zu einzelnen Abschnitten gibt, erfüllen unterschiedliche Zwecke: Weitgehend handelt es sich dabei um direkte Wiederholungen der Inhalte. Teilweise stößt der Teil zu "Aufgaben und Lösungen" den Leser und die Leserin sinnvoll auf jene Aspekte des Kapitels, die zu rekapitulieren sind. Sie regen darüber hinaus zu eigenständiger, teilweise kreativer Arbeit an, indem eine konkrete Aufgabe gestellt wird. Etwas überraschend fehlen nach den Kapiteln allerdings Angaben zu weiterführender Literatur, um die jeweiligen Inhalte vertiefen zu können.

Im zweiten Kapitel des Buches vermitteln Jaquemoth und Hufnagel die theoretischen Grundlagen, wie verschiedene Akteure auf Märkten handeln. Das Publikum lernt mit diesem Kapitel zum einen volkswirtschaftliche Voraussetzungen für das Funktionieren von Märkten kennen, was auch die Situation der Verbraucherinnen und Verbraucher, ihre Rolle und die Effekte von Verbraucherhandeln einschließt. Zum anderen vermittelt das Theoriekapitel einige Basiskenntnisse aus der Soziologie, der Psychologie und den Rechtswissenschaften. Diese Facetten bleiben – vielleicht notwendigerweise – recht knapp. Fraglich ist auch, ob im rechtswissenschaftlichen Teil die These haltbar ist, dass Rechtsbegriffe immer "im Lichte der aktuellen Wissenschaften und der gesellschaftlichen Bedingungen interpretiert werden" müssten. Der zweite Teil der These widerspricht sowohl den weiteren Ausführungen im Lehrbuch als auch dem eigentlichen Referenzpunkt an die Verfassung: Grundrechtliche Voraussetzungen dürften zentral sein anstelle sich kontinuierlich wandelnder gesellschaftlicher Bedingungen (wer würde diese definieren?). Da es um Grundlagen der Verbraucherpolitik geht, hätte der Stellenwert des Politischen noch stärker herausgearbeitet werden können, zum Beispiel durch eine Referenz zur Staatstätigkeit auch dann, wenn es um die Gestaltung von Märkten, um die Erklärungen zum Verbraucherverhalten und vor allem um Konsumsoziologie geht. Beispielsweise hätte nach diesem Kapitel (2.2.2) ein Bezug zur Frage hergestellt werden können, was diese Erkenntnisse zu Milieus, Lebensstilen, soziale Ungleichheit, also zu Gesellschaftsstrukturen, sozialen Hierarchien und Ordnungsmustern für das Verständnis von Verbraucherpolitik bedeutet, also vor allem für das staatliche Handeln auf unterschiedlichen Ebenen.

Das dritte Kapitel widmet sich den Organisationen verbraucherpolitischen Handelns und rückt damit die politische Dimension des Themas etwas stärker in den Mittelpunkt. Es differenziert staatliches Handeln von den Interessenverbänden und -vertretern und berücksichtigt für beide Sphären die unterschiedlichen Ebenen, von der kommunalen bis zur europäischen und internationalen Ebene. Der Teil zum staatlichen Handeln dürfte für viele Leserinnen und Leser anspruchsvoll sein: Die Darstellung der Politikverflechtung zwischen nationaler und europäischer Ebene und die notwendigen Informationen zum Kompetenzgefüge sind zwar treffend komprimiert dargestellt, bleiben dabei aber teilweise doch sehr technisch. Dies könnte solche Leserinnen und Leser etwas überfordern, die keine rechts- oder politikwissenschaftlichen Grundkenntnisse mitbringen. Gerade in diesem Teil wäre ein umfangreicherer Einsatz anschaulicher Beispiele hilfreich gewesen. Wenn beispielsweise zur Legislative schließlich erwähnt wird, dass Primärrecht der EU in Sekundärrecht umgesetzt werden muss und auf das Lebensmittelrecht beispielhaft verwiesen wird, hätte genau dies auch illustriert werden können (z. B. als zweiter Baustein "Aus der Praxis" über Richtlinien in Ergänzung zur Verordnung zu "Novel-Food"). Auch wenn dieses Kapitel des Buches in der Reproduktion teilweise sehr abstrakt bleibt, lässt sich auf Basis der Darstellung ein solides Wissen erarbeiten. Vor allem in Bezug auf das staatliche Handeln wäre es allerdings wünschenswert gewesen zu erklären, wie die Interessen letztlich den Weg in die Politik finden. Ein echtes Kompendium wiederum stellt der zweite Teil des dritten Kapitels zu den Interessenverbänden und -vertretern dar, in dem viele Details zu finden sind.

Das vierte Kapitel stellt einen wesentlichen Kern dar, um Verbraucherpolitik zu verstehen. Es nimmt allerdings den kürzesten Abschnitt in diesem Lehrbuch ein. Jaquemoth und Hufnagel sortieren es unter der Überschrift "Konzeptionen, Ziele und Instrumente der Verbraucherpolitik". Allerdings geht es ihnen dabei im Wesentlichen um Verbraucherschutzbelange, obwohl mittlerweile auch die Politik mit dem Verbraucher eine wichtige Rolle in vielen Kontexten spielt: Um Politik mit dem Verbraucher handelt es sich, wenn sich Verbraucherinnen und Verbraucher zur Durchsetzung konkreter (zum Teil übergeordneter) politischer Ziele in einer bestimmten Weise verhalten müssten, wie es beispielsweise häufig bei der Verkehrs- und Mobilitätspolitik in Ballungsräumen oder auch in der Gesundheitspolitik der Fall ist. Das Lehrbuch hingegen konzentriert sich nahezu ausschließlich auf Probleme, die durch Markt- und Machtungleichgewichte zwischen Unternehmen und Verbraucherinnen und Verbrauchern entstehen. Bei den verbraucherpolitischen Instrumenten stellen die Autorin und der Autor nicht das gesamte Spektrum vor, sondern präsentieren eine eigene, etwas eigenwillige Kombination aus "Verbraucherinteressenvertretung, Verbraucherbildung, -beratung, -information und de[m] rechtlichen Verbraucherschutz". Letztlich hätte eine Orientierung an der politikwissenschaftlichen Differenzierung von (verbraucher)politischen Instrumenten zum vollständigen Bild beigetragen: Diese reichen von autoritären Instrumenten (Ge- und Verbote) über Anreize (marktwirtschaftliche und soziale Anreize) hin zu informatorisch-persuasiven Instrumenten sowie Formen von Organisation und Koordination. Der rechtliche Verbraucherschutz würde in die erste Kategorie fallen, die von Jaquemoth und Hufnagel differenzierten Bereiche der Verbraucherbildung und -beratung sowie -information in die dritte Kategorie der informatorisch-persuasiven Instrumente. Mit Blick auf den Verbraucherschutz bietet die hier sehr differenzierte Darstellungsweise für diese Instrumentengattung durchaus einen gewissen Mehrwert. Dass allerdings die Anreizinstrumente gar nicht berücksichtigt werden und die Interessenvertretung als "Instrument" vorgestellt wird (das ist eher Teil der Akteursstruktur, ggf. institutionell verankert), schwächt die Systematik. Dies gilt auch für die Unterscheidung zwischen Ansätzen, Konzepten und Instrumenten, wie sie das Kapitel prägen. Das Kapitel hätte sicherlich von der politikwissenschaftlichen Systematik und Differenzierung von Akteuren, Institutionen, Problemstrukturen und Instrumenten profitiert. Eher oberflächlich findet die jüngere Diskussion zu verhaltenswissenschaftlicher (Verbraucher-)Politik Berücksichtigung.

Das abschließende Kapitel zu den Handlungsfeldern stellt mit dem "Verbrauchsgüterkauf", den "Finanzdienstleistungen", der "Telekommunikation und Energieversorgung", mit "Big Data und informatorischer Selbstbestimmung" sowie Unterkapiteln zu "Ernährung, Lebensmittel und Gesundheit", "Nachhaltigkeit und Ethik" sowie zu "Besonderem Verbraucherschutz für spezielle Zielgruppen" einen reichhaltigen Fundus vor. Auch hier orientiert sich die Darstellung im Wesentlichen an Themen zum Verbraucherschutz. Dieser abschließende Teil des Buches bietet dem Leser und der Leserin viele wertvolle Informationen zu den ausgewählten Themen. Zusätzlich gewonnen hätte er durch eine ausgeprägtere, vor allem systematische Rückbindung an das zuvor Gelernte.

Insgesamt handelt es sich um ein sehr wertvolles Lehrbuch, das in dieser Form einzigartig ist und dem eine große Leserschaft zu wünschen ist. Jaquemoth und Hufnagel stellen in vielen Bezügen den Charakter der Verbraucherpolitik als Querschnittsfeld heraus, weshalb es auch für jene eine fruchtbare Lektüre ist, die sich zunächst gar nicht dezidiert als Interessierte an der Verbraucherpolitik verstehen: Nicht nur Landwirtschafts-, Wirtschafts-, Gesundheits- und Pflegepolitik, sondern letztlich auch viele Bereiche der Innen- und Justizpolitik (Stichwort: Big Data) und auch der Energie- und Umweltpolitik hängen eng mit verbraucherpolitischen Problemstrukturen zusammen. Dass die politische Dimension und politikwissenschaftliche Betrachtung etwas knapp ausfällt, lässt sich durch entsprechende Lektüre ausgleichen. Die Grundlagen für ein umfassendes Markt- und Ordnungsverständnis vor allem von Verbraucherschutzpolitik und teilweise auch von Verbraucherpolitik sind für alle Leserinnen und Leser in jedem Fall gelegt.

Literaturhinweise

Kroeber-Riel, Werner und Andrea Gröppel-Klein. 2013. Konsumentenverhalten. 10., überarbeitete, aktualisierte und ergänzte Auflage. Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. München: Vahlen.

Kuhlmann, Eberhard. 1990. Verbraucherpolitik: Grundzüge ihrer Theorie und Praxis. Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. München: Vahlen.

Empfohlene Zitierweise | Loer, Kathrin. 2018. Aktuelles Kompendium zur Verbraucherpolitik (Rezension). Re: Neuerscheinung (Kompetenzzentrum Verbraucherforschung NRW). 8. Oktober. https://www.verbraucherforschung.nrw/aktuell/kvf-re-neuerscheinung/loer-rezension-jaquemoth-hufnagel-verbraucherpolitik.

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