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Braucht es eine besondere Verbraucherpolitik für ältere Menschen?

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von Prof. Dr. Christoph Strünck (Universität Siegen)

Cover Konsum Alter Springer FelserFelser, Georg. 2018. Konsum im Alter – Das höhere Lebensalter und seine Relevanz für den Verbraucherschutz. Wiesbaden: Springer Verlag.

Umfang XV, 147 Seiten | ISBN Print 978-3-658-20242-2 | ISBN E-Book (PDF) 978-3-658-20243-9 | Preis Print: 39,99 EUR | Preis E-Book: 29,99 EUR | Inhaltsverzeichnis

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Konsumieren ältere Menschen anders als jüngere? Sind sie verletzliche Verbraucherinnen und Verbraucher und benötigen sie daher besonderen Schutz? Sind ältere Menschen überhaupt eine homogene Konsumentengruppe? Georg Felser konzentriert sich in seiner Studie darauf, Ältere in ihrer Rolle als Verbraucherinnen und Verbraucher zu analysieren. Sein Buch basiert auf einem Gutachten, das er für das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz verfasst hat.

Der Autor skizziert zunächst, wie sich Alter in verschiedene Phasen und Altersgruppen aufteilen lässt, aber auch in verschiedene Milieus und Alterstypen. Angesichts steigender Lebenserwartung und eines durchschnittlich besseren Gesundheitsstatus im Alter spricht die Gerontologie inzwischen vom dritten und vierten Lebensalter. Nach der Erwerbsphase bricht damit für viele inzwischen eine eigenständige, längere Lebensphase an. Damit werden ältere Menschen eigentlich noch interessanter für Anbieter, zumal sie einen Großteil ihres Einkommens für den Konsum verwenden. Wer sich für die gerontologischen Grundlagen dieses Phänomens interessiert, dem sei das inspirierende Werk von Andreas Kruse (2017) empfohlen.

Gerade für die Analyse des Konsums ist relevant, welche Altersbilder in einer Gesellschaft prägend sind. Daher setzt sich der Autor auch mit diesem Thema auseinander. Bilder des Alters und Alterns – ob eher negative oder positive – unterscheiden sich von anderen „Vorurteilen“ dadurch, dass fast alle Menschen selbst das Alter erleben. Der Autor weist außerdem darauf hin, dass Altersbilder in jungen Jahren das spätere Selbstbild des Alters prägen. Auffallend viele jüngere Befragte sehen das Alter eher negativ. Andererseits geben überdurchschnittlich viele alte und sogar hochbetagte Menschen an, sie seien relativ zufrieden (Zufriedenheits-Paradoxon des Alters). Wenn sich Menschen sicher fühlen und auch zufrieden sind, konsumieren sie anders.

Neben solchen subjektiven Einstellungen betrachtet der Verfasser aber auch objektive Veränderungen von Ressourcen, Fähigkeiten und Verhalten im Alter, ebenso wie altersspezifisches Konsumverhalten. Er erwähnt bekannte Phänomene wie die stärkere „Markentreue“ im Alter oder besondere Konsum-Muster im Freizeitverhalten. Zum Schluss der kompakten Studie kommt der Verfasser darauf zu sprechen, ob es im Alter besondere „Verletzlichkeiten“ beim Konsum gibt. Er konzentriert sich dabei auf betrügerische Praktiken oder Nötigung, für die höhere Altersgruppen als anfälliger gelten. Letztlich geht es um die Frage, ob es besonderer Instrumente des Verbraucherschutzes bedarf, um Ältere vor solchen Praktiken zu schützen. Der Verfasser bejaht diese Frage, ohne aber weiter zu erörtern, welche Instrumente besonders wirkungsvoll schützen können.

Wer einen kompakten Überblick über die wichtigsten Aspekte von Konsum im Alter sucht, wird im vorliegenden Band fündig. Es ist verdienstvoll und überfällig, eine aktualisierte Bestandsaufnahme zu diesem Thema vorzulegen, und nicht nur dem Dreiklang von Rente, Gesundheit und Pflege als vermeintlich wichtigsten Aspekten des Alterns zu folgen. Angesichts des demografischen Wandels sind Ältere eine eminent wichtige Konsumentengruppe. Auch der Verbraucherpolitik stellen sich dadurch neue Fragen.

Doch auch nach dem Lesen dieser Studie bleibt die Frage offen, ob es tatsächlich einer spezifischen Verbraucherpolitik für Ältere bedarf. Fraglich bis fragwürdig ist es, Ältere allgemein als verletzliche Verbraucherinnen und Verbraucher zu sehen. Dies tut der Verfasser im Übrigen nicht. Allerdings verengt er die mögliche Verletzlichkeit des Alters doch sehr auf kriminelle Praktiken von Anbietern. Dies greift zu kurz. Es gibt alterstypische Verbraucherprobleme wie Haustürgeschäfte, Mietfragen, fragwürdige Versicherungspolicen wie z. B. manche Sterbegeldversicherungen, unübersichtliche Handyverträge oder Ängste und Unsicherheit in der digitalen Welt. Die Probleme haben nicht nur mit schwarzen Schafen unter den Anbietern zu tun. Auf vielen Märkten können Ältere besonderen Situationen ausgeliefert sein, in denen ihre Konsumentensouveränität schwach ist. Altersspezifische Einschränkungen und Verhaltensroutinen tragen dazu bei. Diese Phänomene beschreibt der Verfasser durchaus, schränkt aber Verletzlichkeit auf die „Opferrolle“ älterer Menschen ein.

Etwas verkürzt sind auch die Passagen zum Konsumverhalten und zu den materiellen Lebensverhältnissen älterer Menschen. Hier lehnt sich der Verfasser wie auch in vielen anderen Teilen des Buches stark an die Erkenntnisse der Generali Altersstudie an. Andere Befragungen – wie etwa der Alterssurvey des Deutschen Zentrums für Altersfragen oder die europäische Erhebung SHARE – bleiben außen vor.

Der Verfasser postuliert, dass im höheren Alter „die materiellen Lebensverhältnisse insgesamt eher als gut zu bewerten“ (S. 81) seien. Im Durchschnitt betrachtet stimmt das; auch fließen enorm hohe Geldtransfers von der alten zur jungen Generation. Doch diese Befunde verdecken, dass die soziale Ungleichheit im Alter bedeutsam ist und tendenziell zunimmt. Das wirkt sich auch auf Konsum-Möglichkeiten und auf den Schutzbedarf bestimmter Gruppen von Älteren aus. Steigende Altersarmut und das Risiko der Verschuldung im Alter sind Phänomene, die einer gesonderten Analyse bedürfen. Allerdings bleibt auch hier die Frage offen, ob es anderer verbraucherpolitischer Instrumente bedarf oder ob die etablierten Angebote der Verbraucher- und Schuldnerberatung stabilisiert werden müssen, neben den sozialen Sicherungssystemen.

Der Verfasser weist in seiner kompakten Studie darauf hin, wie schwer sich Anbieter und Marketing manchmal damit tun, die wachsende und heterogene Gruppe der älteren Verbraucherinnen und Verbraucher angemessen anzusprechen. Sie sind dabei auch Opfer ihrer eigenen Altersbilder. Angesichts des in Deutschland nach wie vor verbreiteten Defizit-Bild des Alters und der starken Markentreue älterer Menschen gilt die große Gruppe älterer Verbraucherinnen und Verbraucher häufig als unattraktiv für die Werbung. Auch sind auf Ältere zugeschnittene Marketing- und Produktstrategien bislang häufig gescheitert, wie etwa das Senioren-Handy.

Was das Konsumverhalten im Alter für die Verbraucherpolitik bedeutet, kann aber auch diese lesenswerte Studie nicht schlüssig beantworten. Der Verfasser reklamiert hier weiteren Forschungsbedarf. Tatsächlich ist zu klären, ob Ältere vor typischen Verbraucherproblemen des Alters ausreichend geschützt sind und wie der Verbraucherschutz für diese wichtige, aber auch heterogene Gruppe ggf. verbessert werden kann. Das ist eine Aufgabe, die Wissenschaft und Praxis gemeinsam angehen müssen. Anregungen dafür bietet das Buch reichlich.

Literaturhinweise

Kruse, Andreas. 2017. Lebensphase hohes Alter: Verletzlichkeit und Reife. Wiesbaden: Springer Verlag.

Empfohlene Zitierweise | Strünck, Christoph. 2019. Braucht es eine besondere Verbraucherpolitik für ältere Menschen? (Rezension). Re: Neuerscheinung (Kompetenzzentrum Verbraucherforschung NRW). 10. April 2019. https://www.verbraucherforschung.nrw/aktuell/kvf-re-neuerscheinung/struenck-rezension-felser-konsum-im-alter.

Lizenzhinweis | Dieser Beitrag erscheint unter der Creative-Commons-Lizenz: Namensnennung 4.0 International | CC BY 4.0
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Die Abbildung des Buchcovers erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Die Rezension gibt die Meinung der Autorin wieder und muss nicht mit den Meinungen und Positionen des KVF NRW, der Verbraucherzentrale NRW e. V., des MULNV und des MKW übereinstimmen.

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