Geschlossener Call: Prosuming und Sharing - neuer sozialer Konsum?

Das Thema des 6. NRW-Workshops des Kompetenzzentrums Verbraucherforschung (KVF) NRW am 24. März 2014 sind die Sharing Economy (kollaborativer Konsum) und das Prosuming. Interessierte Referentinnen und Referenten aus NRW können bis zum 6. Januar 2014 ihre Vorschläge einreichen.

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1. Neuer sozialer Konsum?

Das Sharing (kollaborativer Konsum) und das Crowdsourcing/Prosuming bzw. die Commons-based Peer Production (kollaborative Produktion) sind zwei eng miteinander verschränkte Trends, die in der Wissenschaft und in der Verbraucherpolitik auf Resonanz stoßen. Gemeinsam ist ihnen, dass die Produzenten-Konsumenten-Beziehung neu konfiguriert wird und bisweilen verschwimmt. Die diesen Entwicklungen grundlegenden Gedanken sind kein "Neuland": Das Genossenschaftswesen, die Vermietung von Gebrauchsgegenständen oder die nachbarschaftliche Tausch- bzw. Schattenwirtschaft werden als Vorläufer des Sharing und Prosuming gesehen. Dennoch werden beide Erscheinungen als neue Formen des Konsums betrachtet, die durch die Möglichkeiten des Web 2.0 eine besondere Dynamik erhalten haben.

Die Einbeziehung des Kunden in den Wertschöpfungsprozess begann in den 1950er-Jahren mit dem Konzept des Selbstbedienungsladens, der "arbeitende Kunde" (Voß und Rieder 2007) wird durch die Verlagerung betrieblicher Aufgaben dazu genutzt, Kosten einzusparen. Die Idee, dass die Konsumenten an Produktionsprozessen beteiligt werden, bezeichnete Alvin Toffler bereits 1980 als Prosuming (Producing + Consuming), das mit der Technologie des Internets weiterentwickelt wurde (Blättl-Mink und Hellmann 2009). Die Einbeziehung der Nutzer in Innovations- und Entwicklungsprozesse durch Unternehmen wird als Crowdsourcing (Neologismus aus Crowd + Outsourcing) bezeichnet (Papsdorf 2009), die soziale Komponente, in Form des Austausches unter Gleichgestellten (peers), stellt die Commons-based Peer Production (Benkler 2006) dar. In der Energiewirtschaft werden aus Endverbrauchern durch die Verbreitung von Wind- oder Photovoltaikanlagen Prosumenten, die ihren Strom nicht nur verkaufen, sondern auch in Bürgernetzwerke einspeisen (Loske 2012).

Die Publizistin Rachel Botsman sieht in dieser gemeinschaftlichen Kultur des Teilens, eine Umwälzung, die mit der industriellen Revolution vergleichbar sei (Botsman und Rogers 2011). Kollaborativer Konsum und Produktion stellen für sie eine "neue Form des Wirtschaftens und Konsumierens dar" (Heinrichs und Grunenberg 2012), mit der zahlreiche Hoffnungen verbunden sind. So wird Sharing als eine nachhaltige, ressourcenschonende Form des Konsums gesehen, bei der Güter effizienter genutzt werden und die Verbraucher auf ihre Anschaffung verzichten (Suffizienz) können (Scholl u. a. 2012). Auch gegen Lebensmittelverschwendung wird mit Sharingkonzepten experimentiert (foodsharing.de 2013), Community-Netze sollen dem Datenstau im Internet vorbeugen (Stieler 2013). Die Kultur des Teilens wird ebenso als eine Form des sozialen Miteinanders verstanden (Botsman und Rogers 2011), wie als eine Chance auf technische oder künstlerische Innovationen (Chesbrough 2006). Zudem gilt sie als Teil neuer, experimenteller Partizipationsmuster, die als "Verbraucherdemokratie" beschrieben werden (Lamla 2013).

Beide Entwicklungen verändern die Art und Weise, wie konsumiert wird, und werfen damit Fragen für die Verbraucherpolitik und die Verbraucherforschung auf.

2. Fachgebiete

Wir laden Sie ein, Vorschläge einzureichen. Die ausgewählten Themen sollen in einem 15-minütigen Vortrag auf dem 6. NRW-Workshop Verbraucherforschung am Montag, den 24. März 2014 vorgestellt werden.

Willkommen sind Beiträge aus allen für die Verbraucherforschung relevanten Fachrichtungen (bspw. Haushaltswissenschaften, Informatik, Marketing, Ökonomie, Oecotrophologie, Pflegewissenschaft, Politikwissenschaft, Psychologie, Rechtswissenschaft, Sozialwissenschaft, etc.), aber auch interdisziplinäre Projekte. Die einreichenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen ihren Dienst- oder Wohnsitz im Bundesland Nordrhein-Westfalen haben.

3. Deadline und Terminplanung

Bitte senden Sie ein aussagefähiges Abstract (maximal 2 000 Zeichen inkl. Leerzeichen, Titel und Autorennamen zählen nicht dazu) bis zum 6. Januar 2014 als PDF-Datei an: verbraucherforschung@vz-nrw.de.
Bis zum 13. Januar 2014 erhalten Sie Nachricht über die Annahme Ihres Vorschlags. Im diesem Fall werden wir Sie bitten, uns bis zum 21. März 2014 eine Präsentation (PowerPoint, Open/Libre Office Impress oder PDF) zuzusenden. Bitte beachten Sie, dass die Beiträge dieses Workshops als Sammelband in der Reihe "Beiträge zur Verbraucherforschung" erscheinen sollen. Die Abgabe der Manuskripte zur Veröffentlichung soll bis zum 1. September 2014 erfolgen.

4. Mögliche Themen

  • Wie neu sind diese Konsumformen und was unterscheidet sie qualitativ von ihren Vorgängern (bspw. Genossenschaften, etc.)?
  • Welche kulturellen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen bilden die Grundlage für die Akzeptanz für Sharing und Prosuming?
  • Was motiviert Verbraucherinnen und Verbraucher, sich an neue Konsumformen zu beteiligen und wie verändern sie das Verbraucherverhalten?
  • In welchen sozialen Milieus sind Sharing und Prosuming verankert und worin unterscheiden sich diese in ihren Motiven und ihrem Nutzungsverhalten?
  • An welche Grenzen stößt die Sharing Economy? In welchen Bereichen lässt sich der Sharing-Gedanke umsetzen, in welchen Bereichen sind Hindernisse zu beobachten?
  • Wie kann Sharing organisiert werden? (Peer-to-Peer- vs. konzernbasierte Modelle)
  • Wie werden Vertrauens- und Reputations- und Bewertungssysteme gestaltet und wie funktionieren sie?
  • Vor welche neuen Herausforderungen stellen die neuen Konsumformen die Verbraucherpolitik und die Verbraucherarbeit? (Regelungsbedarf, Bedarf nach neuen Informations- und Beratungsangeboten)
  • Welche ökonomischen, ökologischen oder gesellschaftlichen Effekte entstehen durch die Sharing Economy? (Grenzen bisheriger Geschäftsmodelle, Wandel im Arbeitswesen, Setzung von politischen Rahmenbedingungen, Demokratisierung des Konsums, Rebound-Effekte)
  • Welche Folgen haben Prosuming und Sharing für die digitale Welt? (Urheberrechte und Datenschutz)

5. Kontakt

Verbraucherzentrale NRW, Kompetenzzentrum Verbraucherforschung NRW (KVF NRW), Dr. Christian Bala, Mintropstraße 27, 40215 Düsseldorf, Telefon: +49 211 38 09-350, E-Mail: verbraucherforschung@vz-nrw.de, Internet: www.verbraucherforschung-nrw.de, Twitter: @kvf_nrw.

6. Literatur

Benkler, Yochai. 2006. The wealth of networks: How social production transforms markets and freedom. New Haven et al.: Yale Univ. Press.

Blättel-Mink, Birgit und Kai-Uwe Hellmann, Hrsg. 2010. Prosumer Revisited: Zur Aktualität einer Debatte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Botsman, Rachel und Roo Rogers. 2011. What’s mine is yours: How collaborative consumption is changing the way we live. London: Collins.

Chesbrough, Henry William. 2006. Open innovation: The new imperative for creating and profiting from technology. Boston, Mass.: Harvard Business School Press.

Foodsharing.de. 2013. Lebensmittel teilen, statt wegwerfen - foodsharing Deutschland. http://foodsharing.de.

Heinrichs, Harald und Heiko Grunenberg. 2012. Sharing Economy - Auf dem Weg in eine neue Konsumkultur? Lüneburg: Centre for Sustainability Management. http://pure.leuphana.de/ws/files/3881633/Heinrichs_Grunenberg_Sharing_Economy.pdf.

Lamla, Jörn. 2013. Verbraucherdemokratie: Politische Soziologie der Konsumgesellschaft. Berlin: Suhrkamp.

Loske, Reinhard. 2012. Energie in Bürgerhand. Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 12: 29–33.

Papsdorf, Christian. 2009. Wie Surfen zu Arbeit wird: Crowdsourcing im Web 2.0. Frankfurt/Main, New York: Campus.

Scholl, Gerd et al. 2013. Alternative Nutzungskonzepte – Sharing, Leasing und Wiederverwendung, Forschungsbericht. PolRess AP2 – Politikansätze und -instrumente, Vertiefungsanalyse 1, April 2013. Berlin: IÖW. http://www.ioew.de/uploads/tx_ukioewdb/PoLRess_ZB_AP2-Vertiefungsanalyse_alternative_Nutzungskonzepte.pdf.

Stieler, Wolfgang. 2013. Die Rückeroberung des Internets. Technology Review, 2013, Nr. 6: 24-30.

Toffler, Alvin. 1980. Die Zukunftschance: Von der Industriegesellschaft zu einer humaneren Zivilisation. München: Bertelsmann.

Voß, Gerd Günter und Kerstin Rieder. 2006. Der arbeitende Kunde: Wenn Konsumenten zu unbezahlten Mitarbeitern werden. Frankfurt/Main, New York: Campus.

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Das KVF NRW ist ein Kooperationsprojekt der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen e. V. mit dem Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz und dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.