Plädoyer für mehr Politik

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Rezension von Christian Bala (Verbraucherzentrale NRW)

Heidbrink, Ludger und Sebastian Müller. 2020. Consumer Social Responsibility: Zur gesellschaftlichen Verantwortung von Konsumenten. Marburg: Metropolis.

Umfang: 259 Seiten | ISBN (Print): 978-3-7316-1439-5 | Preis (Print): 29,80 EUR | Preis (E-Book): 24,44 EUR | Inhaltsverzeichnis

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Die Debatte um die Verantwortung der Konsument:innen für eine sozial-ökologische Transformation ist nicht neu. Das Themenfeld wird durch zwei Pole begrenzt: Um den einen Pol formieren sich jene Stimmen, welche die Schaffung nachhaltiger Produkte von der Nachfrage abhängig machen und Verbraucher:innen deshalb zu einem sozialen, nachhaltigen, grünen, ethischen oder ökologischen Konsum aufrufen. Um den anderen Pol kreisen jene, die vehement bezweifeln, dass Konsumentscheidungen einen maßgeblichen Einfluss darauf haben, die Ziele für eine nachhaltige und soziale Entwicklung zu erreichen. Tatsächlich erinnern viele Rufe nach mehr Konsument:innenverantwortung durch Kaufentscheidungen fatal an überkommene Verbraucher:innenbilder, die von einer Souveränität der Nachfrageseite ausgehen, welche die Angebotsseite nur zu gerne aufgreift, entweder um zu rechtfertigen, warum sie nicht nachhaltiger/sozialer/tierfreundlicher produziert ("Die Leute kaufen das nicht. Der Preis ist zu hoch.") oder ihr vermeintlich ethisches Handeln und ökologisches Gewissen werbewirksam in den Vordergrund zu rücken. Umso wichtiger ist es deshalb, wenn die Debatte durch differenzierte Stimmen bereichert wird. Den Autor:innen des von den Philosophen Ludger Heidbrink (Kiel) und Sebastian Müller (Köln) herausgegebenen Sammelbandes geht es um eine Ausleuchtung des Konzepts der Consumer Social Responsibility (ConSR), indem sie ihn nicht analog zur unternehmerischen Corporate Social Responsibility (CSR) beschreiben, sondern wie diese als Spannungsfeld zwischen marktlichem Handeln und moralischen Ansprüchen verstehen. Hervorgegangen sind die Beiträge aus einer gleichnamigen Tagung an der Universität Kiel.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil finden sich einführende Beiträge, deren Ziel es ist, "einen allgemeinen Überblick über die Entwicklung und Verwendung des ConSR-Begriffs in der Forschung" (S. 11) zu geben. Der zweite Teil wird vermutlich vor allem wissenschaftlich orientierten Leser:innen etwas bieten: Er ist "Theorien und Modellen" gewidmet, die Beiträge sollen diese hinsichtlich ihrer "konzeptuellen Tragweite und normativen Grundlagen" untersuchen (S. 11). Schließlich stehen im dritten Teil "konkrete Anwendungsfragen und das faktische Verbraucherverhalten […] aus Sicht der empirischen Konsumforschung und der Verbraucherpolitik" (S. 11) im Mittelpunkt.

Ansätze der Consumer Social Responsibility

ConSR ist – wie CSR – zunächst einmal ein Begriff, der mit Inhalt zu füllen ist. Heidbrink und Müller identifizieren drei konzeptionelle Formen: ConSR als Konsument:innenethik, als Pendant und Treiber der CSR in strategischer Absicht und als pluralistisches und multidimensionales Konzept, das "intrinsische und instrumentelle" Elemente umfasst (S. 10). Auch in der CSR gibt es instrumentell-ökonomische und normative Ansätze. Erstere betonen vor allem den Nutzen, den Unternehmen aus ihrem sozialen Handeln ziehen, während letztere eine moralische Grundlage für unternehmerisches Handeln zu legen versuchen. Doch während im Falle der CSR korporative Akteure für ihr Handeln verantwortlich sind, da sie es direkt beeinflussen können und auch für die Folgen ihres Handelns haftbar sind, bezieht sich die ConSR als ethische Konsumentscheidung auf Individuen, die nicht für das Handeln der Unternehmen verantwortlich sind.

Imke Schmidt, die bereits 2016 eine wichtige Monographie zu dem Thema vorgelegt hat, erläutert in ihrem Beitrag ebenso knapp wie anschaulich die theoretischen Modelle der Verantwortungszuschreibung an Konsument:innen sowie die individuelle und kollektive Dimension von ConSR in der Praxis. Auf theoretischer Ebene zeigt sie, dass das Konzept der "geteilten Kausalverantwortung" unzureichend sei: Da keine direkte ursächliche Verbindung zwischen Konsumhandlung und den Produktionsbedingungen bestehe, könne nur indirekt, über die Nachfrage, ein Zusammenhang hergestellt werden. Dieses Konzept, das individuell zuschreibbare Schadensbeiträge, etwa in Form eines ökologischen Fußabdrucks, in den Fokus rücke, biete, so Schmidt, "keine Lösung", da für Änderungen viele Akteure handeln müssten, eine Abhängigkeit von Konsument:innen und Unternehmen gegeben sein müsse und schließlich – und dies ist ein zentraler Punkt – "die bestehenden Strukturen das Unterlassen schädlichen Handelns nur im begrenzten Umfang zulassen" (S. 21). Statt eines individualistischen Ansatzes hält sie Modelle geteilter Kollektivverantwortung für geeigneter, eine ConSR zu begründen.

Soziale Verbundenheit und Verantwortung

Den theoretischen Rahmen hierfür bietet Marion Iris Youngs Werk "Responsibility for Justice", an das Schmidt anknüpft, wie übrigens zahlreiche andere Beiträge des Bandes auch. Im Rahmen ihres Modells der sozialen Verbundenheit betont Young die strukturelle Verantwortung der Subjekte, welche diese aber in der Regel nicht allein, sondern nur zusammen mit anderen wahrnehmen können. Diese Begründung der Verantwortung ist für die Konzeption der ConSR zentral, denn sonst würde sich Verantwortung nur in individualistischen Kaufakten ausdrücken. ConSR drücke sich, so die Autor:innen, zwar auch im Verhalten der Konsument:innen am Markt aus – durch Suffizienz oder den Kauf von sozial-ökologischen Produkten -, doch eben nicht nur. Die Veränderung der "Strukturen des Systems" können in der Wertschöpfungskette liegen – etwa durch soziale Interaktionen, durch "Abwanderung und Widerspruch" (Albert O. Hirschman) sowie durch alternative Wertschöpfungsmodelle – oder durch die Beeinflussung der Politik, indem Konsument:innen als Bürger:innen handeln und sich dafür "einsetzen, dass ihre Rechte gestärkt und Handlungsspielräume erweitert werden" (S. 25).

Gerade aber das politische Handeln setzt voraus, dass die getrennten Rollen einerseits als Bürger:in und andererseits als Konsument:in zusammengebracht werden, die in der "klassischen Ökonomie", so Sebastian Müller in seinem Beitrag über Konzepte des "Consumer Citizen", "zwei unversöhnliche, diametrale Gegensätze" darstellen (S. 91). Er unterscheidet dabei pragmatische und deskriptive Konzepte. Erstere versuchen beide Rollen zu integrieren, entweder, indem sie dem Kaufverhalten eine politische Agenda unterstellen (republikanische Variante), oder Markthandeln als Plebiszit über die Beschaffenheit der Gesellschaft bestimmen (liberale Variante). Das deskriptive Konzept hingegen geht von Situationen aus, in welchen Menschen als Konsumierende politisch gehandelt haben und nimmt Consumer Citizens als Tatsache. Beide Konzepte liefern jedoch, so Müller, keine "befriedigenden Erklärungen, mit der sich die begrifflichen Traditionen von Bürgern und Konsumierenden harmonisch verbinden lassen" (S. 101). Eine mögliche Verbindung sieht er in der Rollentheorie, die durch überschneidende und nebeneinander existierende Rollenattribute Consumer Citizens als eine soziale Rolle in Konsumkontexten erfassen könne: "Ihre ConSR schält sich zwischen legitimen bürgerlichen und persönlichen Anspruchsrechten heraus und erlaubt es, Individuen eine persönliche Aufgabenverantwortung, sowie Lob und Schuld für die Beförderungen, Aufrechterhaltung und Reformierung sozialer Strukturen zuzuschreiben, welche die Konsumwelt bestimmen" (S. 109).

Politik und Verantwortung

Gerade um diese sozialen Strukturen geht es, wie auch Laura Einhorn und Christian Neuhäuser bemerken, die auf die Probleme und politische Einbettung der ConSR und CSR hinweisen, etwa wenn ConSR durch Besserverdienende als persönliches Marketing im Sinne einer sozialen Distinktion genutzt wird: "Damit werden nicht nur die materiellen, kulturellen und sozialen Ressourcen vernachlässigt, durch die bestimmte Konsumhandlungen bedingt sind. Es findet außerdem sowohl eine negative als auch eine positive moralische Aufladung bestimmter Konsummuster statt, durch die eine Vielzahl an Konsument*innen potentiell entmutigt werden, eigene Konsummuster umzustellen" (S. 132). Zudem verstehen sie soziale Verantwortung von Unternehmen und Konsumierenden nicht alleine moralisch, die Vermittlung von Angebot und Nachfrage als Anpassung von wechselseitigen Ansprüchen nennen sie selbst "idealistisch". Vielmehr sei Verantwortung auch eine politische Aufgabe, "zu einer Rahmenordnung beizutragen, die kritische Fragen verrechtlicht und die Wahrnehmung sozialer Verantwortung vereinfacht und positiv sanktioniert" (S. 134). Das Wirtschaftssystem müsse insgesamt moralische Ansprüche verwirklichen, auch durch Verbote und Sanktionen. Auch für Unternehmen sehen sie hierin einen Vorteil: "CSR wäre dann kein Geschäftsrisiko mehr, sondern in der Rahmenordnung aufgehoben" (S. 134).

Deutlich wird, dass unter den Autor:innen weitgehend Übereinstimmung darin herrscht, die ConSR nicht nur als individuellen Kaufakt, sondern als kollektive Verantwortung zur Änderungen von Strukturen zu verstehen. Es ist also auch ein Plädoyer für mehr Politik: Wie dieser Aspekt der ConSR allerdings politisch umgesetzt werden kann, darüber erfährt man leider im Rahmen dieses Bandes zu wenig. Auch in den Beiträgen zur Praxis ist zwar viel von Aktivierung der Zivilgesellschaft, Boykottbewegungen oder politische Konsumlenkung durch Steuern und Nudging zu lesen, doch um Rahmenbedingungen zu beeinflussen, nachhaltige, sozialverträgliche und tierfreundliche Lebensstile zu pflegen, eine Rolle als Consumer Citizen einzunehmen und Systemstrukturen zu verändern, müssen auch Fragen nach persönlichen und finanziellen Ressourcen, sozialer Ungleichheit, Interessenstrukturen und Möglichkeiten politischer Einflussnahme, institutionellen Bedingungen sowie letztendlich auch Macht gestellt und beantwortet werden. Diese Aspekte, die an einzelnen Stellen dieses lesenswerten und gut aufgebauten Sammelbandes aufblitzen, müssten bei zukünftigen Diskussionen über die eine Consumer Social Responsibilty berücksichtigt werden.

Empfohlene Zitierweise | Bala, Christian. 2021. Plädoyer für mehr Politik (Rezension). Re: Neuerscheinung (Kompetenzzentrum Verbraucherforschung NRW). 6. Juli. https://www.verbraucherforschung.nrw/kvf-re-neuerscheinung/plaedoyer-fuer-mehr-politik-bala-rezension-heidbrink-mueller-consumer-social-responsibility-62368.

Nachdruck von: Bala, Christian. 2021. Plädoyer für mehr Politik: Konsument:innenverantwortung ist mehr als die Summe von Kaufentscheidungen. Newsletter Verbraucherforschung aktuell. Juni: 9-11. Der Newsletter Verbraucherforschung aktuell steht hier als Download zur Verfügung.

Die Abbildung des Buchcovers erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Die Rezension gibt die Meinung des Autors wieder und muss nicht mit den Meinungen und Positionen des KVF NRW und der Verbraucherzentrale NRW e. V. übereinstimmen.